Markt verdaut USDA-Zahlen - Strategie Grains: 2020/21 Abbau von EU-Weizenbestand

Kleine EU-Weizenernte kompensiert Corona-Anstiegspotenzial von Preisen nach Ernte

Wien, 15. Mai 2020 (aiz.info). - Die Märkte verdauen die erste, am Dienstagabend veröffentlichte weltweite Bilanzschätzung des US-Landwirtschaftsministeriums USDA für die kommende Ernte. aiz.info berichtete: WASDE bringt erste Orientierung für Getreidemärkte 2020/21 (siehe Link unten). Demnach wachsen die Getreideendlager insbesondere von Mais in den USA, weltweit aber auch vom Weizen an, allerdings regional stark unterschiedlich. Die Terminbörsen in Paris und Chicago reagierten vorerst mit Kursverlusten bei Weizen, Mais, Sojabohnen und Raps. Regenfälle in Europa und in der Schwarzmeerregion sowie gute Aussaatbedingungen für Sojabohnen in den USA bestärkten den Trend. Indessen trat ab Donnerstag eine Stabilisierung ein, Mahlweizen und Raps an der Pariser Euronext konnten einen Teil der vorigen Verluste wieder wettmachen.

Am späten Freitagmittag notierte Euronext Weizen, Raps und Mais ebenfalls mit grünen Vorzeichen: Der Ex-Ernte-Preise darstellende September-Weizenkontrakt wies mit 186,50 Euro/t ebenso ein Plus zum Vortagesschlusskurs von 1,50 Euro/t auf wie der am stärksten gehandelte und für die neue Ernte als repräsentativ geltende Dezember-Kontrakt mit 188,75 Euro/t. Der August-Rapsfuture legte zu diesem Zeitpunkt um 1 Euro/t auf 171 Euro/t zu. Im vorbörslichen Online-Handel verzeichneten auch Weizen, Mais und Sojabohnen an der CBoT in Chicago zumindest zart positive Vorzeichen.

Das bestätigte auch die französische Analyse Strategie Grains, dass insbesondere in der EU die Weizenbilanzen eng bleiben würden, und revidierte die Endlager sowohl 2019/20 als auch 2020/21 nach unten. Daraus folgert Strategie Grains für den Weizenmarkt bis zum Sommer und für die Vermarktung der 2020 gegenüber dem Vorjahr um 9,3% kleiner erwarteten Weizenernte in der Europäischen Union trotz Corona-Krise: Die Preise könnten zwar - so nicht Wetteranomalien die Ernteprognosen noch weiter eintrüben - noch etwas sinken, sollten aber nach dem Erntedruck wieder steigen. Denn das kleinere Angebot wäge Verbrauchsrückgänge für Verfütterung und Ethanolerzeugung auf und der Konsum für menschliche Ernährung lege 2020/21 zu. Daraus resultiere eine enge Versorgungslage in der EU und gelte Ähnliches auch für die weltweiten Bilanzen. Druck ortet die Analyse allerdings auf den überschüssigen Mais- und Gerstenmärkten, die bei großen Ernten von stagnierender Fleisch-, Ethanol- und Stärkeerzeugung besonders betroffen seien.

Strategie Grains: 2019/20 radiert boomender EU-Weizenexport Corona-Folgen aus

Die französischen Experten hoben gegenüber ihrer Analyse vom Vormonat die Weichweizenexporte der EU für die auslaufende Saison 2019/20 nochmals um 1,9 Mio. t auf 34,3 Mio. t an, wodurch in Folge der Corona-Krise eintretende Verbrauchsrückgänge am Binnenmarkt "ausradiert" würden. Als Gründe machen sie die geringe Verfügbarkeit von Schwarzmeer-Weizen am Weltmarkt, die strategischen Aufkäufe zur Lagerbildung im Mittleren Osten sowie verstärkte Käufe Marokkos geltend. Marokko blickt einer schwachen Ernte entgegen und verlängerte zuletzt die Aussetzung von Weizenimportzöllen bis Jahresende 2020, um die Eigenversorgung sicherstellen und eine Lebensmittelinflation bremsen zu können. Strategie Grains senkt die Endlagerprognose für 2019/20 in der EU zum Vormonat um 1,1 Mio. t auf 12,6 Mio. t oder enge 11% des Binnenmarktverbrauchs.

2020/21 Abbau der Weizenbestände in der EU

Die Prognose für die kommende Ernte 2020 der EU (berechnet auch auf Basis EU-28) sinkt zum Vormonat um 2,1 Mio. t auf 132,9 Mio. t Weichweizen. Damit fahre die Union um 9,3% weniger Weizen als im Vorjahr ein. Der Binnenverbrauch werde in der Vermarktungssaison 2020/21 mit 112,3 Mio. t nach 115,0 Mio. t in der laufenden Saison auch rückläufig sein, aber längst nicht so stark. Den Verbrauchsrückgang macht Strategie Grains ausschließlich beim Futterweizen mit einer Abnahme von 3,6 Mio. t auf 46,5 Mio. t als Folge geringerer Fleischproduktion und überreichlicher Verfügbarkeit billigen Maises fest. Dementgegen soll aber der Weizenkonsum für Ernährung und industrielle Verwertung in der EU 2020/21 um 0,6 Mio. t auf 67,4 Mio. t zulegen. Daraus resultiert in der EU-28 im kommenden Wirtschaftsjahr ein Bestandsabbau um 1,2 Mio. t auf 11,4 Mio. t beziehungsweise gut 10% des Binnenverbrauchs. Die geringere Verfügbarkeit soll 2020/21 auch nur den Export von 26,6 Mio. t Weichweizen zulassen. Das ist ein Minus von 7,7 Mio. t zu den heurigen Rekordwerten. Auch weltweit sieht die Analyse gegenüber den letzten Prognosen eine Verengung der Weizenbilanzen voraus. Dabei bestehe zusätzlich Unsicherheit, ob die Ernten der Südhalbkugel auch das liefern könnten, was sie aktuell zum Zeitpunkt ihrer Aussaat versprechen würden.

Am Freitag revidierte die Marktordnungsstelle FranceAgriMer die Weizenbonitierung für die Woche bis 11. Mai neuerlich um 2% im Wochenabstand auf nur mehr 55% gut oder sehr gut hinunter. Im Vergleichszeitraum 2019 erhielten 79% die Bestnote.

Weizenpreise sollten nach Erntedruck wieder steigen

Strategie Grains kommentiert die aktuelle und künftige Lage am nach einer Neubeurteilung der Folge aus der Corona-Krise und den jüngsten Ernteprognosen Weizenmarkt so: "Diese Anpassungen führen zu einer Revision der europäischen und weltweiten Weizenbestände nach unten gegenüber dem letzten Monat, die Situation ist jetzt in der EU ganz knapp ausgeglichen und auf globaler Ebene kritisch, und das weltweite Gleichgewicht wird von der Fähigkeit der Südhalbkugel und Kanadas abhängen, ihre Ernten zu erhöhen. Die Weizenbilanz knüpft wieder an ihre Anfälligkeit an, die die Preise zwar nicht daran hindern wird, noch ein wenig zu sinken, sofern es keinen klimatischen Zwischenfall gibt, die sie aber wieder nach oben treiben wird, sobald der Erntedruck vorbei sein wird."

Überschüssige Mais- und Gerstenmärkte unter Druck

Gegenteilig erwartet die Analyse die Mais- und Gerstenmärkte. Beide seien weltweit von Überschüssen und Preisdruck geprägt. Die Ursachen reichten von großen Ernten über Mindernachfrage für die Verfütterung bis hin nach Bier, Ethanol und Stärke. Obwohl sich die EU nicht selbst aus eigenem Anbau mit Mais versorgen kann, bringe die Flut an Maisimporten zu billigen Preisen vom Weltmarkt auch die Binnenmarktpreise unter Druck. Die Union werde 2020/21 neuerlich 19,1 Mio. t Mais einführen müssen. Im laufenden Wirtschaftsjahr bezieht die EU etwa 12,33 Mio. t dieser Ware aus der Ukraine. Jüngste Prognosen des Branchedienstes ProAgro sagen der Ukraine 2020 eine um 4% größere Maisernte von 37,3 Mio. t voraus, wovon sie 32 Mio. t nach 30,5 Mio. t in der laufenden Saison ausführen kann. Die Weizenernte in der mittel-osteuropäischen Kornkammer solle dagegen mit 25,4 Mio. t heuer um 11% kleiner ausfallen, und es dürften nur 17 Mio. t nach 20,5 Mio. t zum Export zur Verfügung stehen.

EU-Weizenexport weiter boomend - Frankreich steuert auf Rekord zu

Die Weizenausfuhren der EU laufen mit der Auslieferung älterer Kontrakte weiterhin auf Hochtouren, wenngleich neue Abschlüsse zuletzt rarer geworden seien. Die Statistik der Europäischen Kommission weist nach 45 Wochen des Wirtschaftsjahres zum Stichtag 10. Mai Weichweizenausfuhren von 29,149 Mio. t aus. Dies übertrifft die Vorjahreszahlen um 61%.

Diese Woche schlug Algerien aus einem Tender nach Händlerschätzungen 480.000 bis 500.000 t Weichweizen zur Auslieferung - je nach Herkunft - zwischen Anfang Juni und Mitte August zu. Der Großteil der Zuschläge soll für Angebote aus Frankreich gekommen sein. Den Euronext-Kursen gab dieser Deal aber keine spürbaren Impulse, denn die Preise auf Basis c&f, also Warenwert einschließlich Verschiffung nach Nordafrika, sollen mit 218 bis 218,50 USD/t oder umgerechnet 200,46 bis 200,92 Euro/t sehr aggressiv gewesen sein.

Die Marktordnungsstelle FranceAgriMer hob dieser Tage ihre Prognose für den Weichweizenexport Frankreichs 2019/20 wie seit Monaten neuerlich an und spricht von einem Rekordwert von 13,3 Mio. t, was einem Zuwachs von 38% zum Vorjahr entspricht.

Zurückhaltung am österreichischen Kassamarkt

Im Gegensatz zu den meeresnahen, von Exporten getragenen Märkten hieß es am österreichischen Kassamarkt - wie auch in anderen Binnenlagen, etwa Süddeutschland -diese Woche rund um die Notierung an der Wiener Produktenbörse unisono von zahlreichen Marktteilnehmern: Zurückhaltung auf allen Seiten und nicht viel los mit alter wie mit neuer Ernte. Abgeber seien unzufrieden mit den aktuellen Preisgeboten und Abnehmer extrem vorsichtig, wie es mit Markt und Preisen weitergehen beziehungsweise wie sich die kommende Ernte weiter entwickeln werde. In der wichtigsten Ackerbauregion, dem östlichen Trockengebiet, spricht man trotz der letzten Regenfälle weiterhin von schmerzhaften Ertragsverlusten, weil die Niederschlagsmengen einfach bei Weitem zu gering gewesen seien. Zumindest laufe die Logistik nach Italien - auch aus den östlichen Nachbarstaaten - langsam wieder an.

Zudem hätte Schädlingsbefall mittlerweile schon 5.000 ha Rübenfläche zerstört. Mit den Nachbaumaßnahmen seien nun mehr Hirse und vor allem noch größere Mengen des ohnehin schon unter Preisdruck stehenden Maises zu erwarten. Auch die auf "gewaltige" 40.000 ha ausgedehnte Kürbisfläche steigert die Spannung, wie sich die Vermarktung der Ernte 2020 anschicken werde.

Die wenigen zustande gekommenen Wiener Börsennotierungen zeigten diese Woche wenig Bewegung oder neue Trends. Qualitätsweizen gab am oberen Rand des Preisbandes einen weiteren Tick auf 178 bis 180 Euro/t nach, Mahlweizen blieb gleich bei 173 bis 175 Euro/t und Futtergerste befestigte sich leicht auf 135 bis 136 Euro/t. Am ehesten Beachtung fand, dass die Futtermaisnotierung mit 143 bis 145 Euro/t noch einmal nach unten ging. Raps alter Ernte kam mit 332 bis 337 Euro/t aufs Kursblatt - und damit deutlich niedriger als zuletzt im Dezember. (Schluss) pos

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