Corona weiterhin im Zentrum: Weizen und Reis im Hoch - Mais und Raps im Tief

Österreich: Brotgetreide zog weiter an - Alkoholsteuerausnahme für Bioalkohol zur Desinfektion

Wien, 3. April 2020 (aiz.info). - Die internationalen Finanzmärkte, die Realwirtschaft mitsamt den Rohstoffmärkten, auch den agrarischen, sie alle sind weiterhin im Bann der Corona-Pandemie. Shutdowns des öffentlichen und des Wirtschaftslebens gerade besonders betroffener Länder sowie das Zittern um Logistik und Transport zeigen die Verletzlichkeit globalisierter Systeme und der Konzentration essenzieller Produktionen auf wenige Herkünfte auf. Grundnahrungsmittel - insbesondere Weizen und Reis - kristallisieren sich als harte Währungen heraus. Die Weizennotierungen dies- und jenseits des Atlantiks erreichten nach dem Absturz zu Monatsbeginn bis Ende März praktisch wieder Vorkrisenniveau. Starke Inlands- und Exportnachfrage befestigt auch die Kassamärkte. Reispreise schnellten sogar auf ein Siebenjahres-Hoch hinauf. Politische Faktoren wie Exportbeschränkungen einzelner Länder oder Aussagen von US-Präsident Donald Trump sind aber immer wieder gut dafür, innerhalb der Bandbreite der Trends überraschend für kurzfristige harsche Ausschläge auf- oder abwärts zu sorgen. In Österreich zeigt sich der Kassamarkt für Brotgetreide neuerlich leicht befestigt.

An der weltweit bedeutendsten Agrarterminbörse, der CBoT in Chicago, stieg die Weizennotierung von Mitte bis Ende März um 15%. An der Euronext in Paris kratzte zu Wochenbeginn der Weizenkontrakt zur Lieferung im Mai nach einem Absturz auf 170 Euro/t in der ersten März-Dekade fast wieder an der 200-Euro-Marke. Die Aussage von US-Präsident Donald Trump, den zurzeit besonders hart von Corona heimgesuchten USA drohten bis zu 240.000 Todesfälle, und nach langem Beiseiteschieben der Gefahr seine Ankündigung eines nunmehr auch rigorosen Shutdowns in den USA - "es ist eine Frage von Leben und Tod" - sowie enttäuschende Weizenexportdaten leiteten zu Wochenbeginn eine Korrekturphase ein, ehe es am Freitag wieder bergauf zu gehen begann. Die europäischen Weizennotierungen konnten sich Chicago zwar nicht ganz entziehen und gaben ebenfalls Gewinne wieder ab, blieben aber von anhaltend starken Weizenexporten aus der EU sowie einem schwachen Euro gestützt. So hob die Europäische Kommission ihre Prognose für Weichweizenexporte der EU 2019/20 gegenüber dem Vormonat von 28 auf 30 Mio. t an. Die Weichweizenausfuhren der Union lagen laut Kommission zum vorigen Sonntag mit 23,940 Mio. t um 68% über der Vorjahreslinie. Der Mai-Weizen an der Euronext startete nach zwei Tagen mit roten Vorzeichen mit einem Plus von 1,75 Euro bei 192,50 Euro/t in den Freitaghandel. Die neue Ernte 2020, der Liefertermin Dezember, notierte am späten Freitagvormittag mit einem ebenso hohen Gewinn bei 187,75 Euro/t. Auch der Soft Red Winter in Chicago war im vorbörslichen Onlinehandel zu diesem Zeitpunkt wieder deutlich im grünen Bereich.

Neben dem Weizen stiegen auch die Preise des asiatischen Grundnahrungsmittels Reis: Der Preis von Thai-Reis, ein Benchmark-Produkt am Weltmarkt, stieg von Jahresbeginn bis Ende März um 17% auf 490 USD/t (448,06 Euro). In der ersten Aprilwoche schnalzten die Preise noch weiter auf bis zu 570 USD/t (521,21 Euro) hinauf und erreichten ein seit April 2013 nicht dagewesenes Siebenjahres-Hoch. Grund dafür sind auch Ausfuhrbeschränkungen wichtiger Exporteure wie Vietnam und zuletzt Kambodscha.

Österreich: Brotgetreide zog weiter an - Alkoholsteuerausnahme für Bioalkohol zur Desinfektion

Wenig Neuigkeiten und wenig aufregende Ereignisse am österreichischen Kassamarkt - so heißt es aus Händlerkreisen zum aktuellen Geschäft. Bei den seit Mitte März aufgrund schriftlicher Anträge zustande kommenden Notierungen an der Wiener Produktenbörse befestigten sich am Mittwoch dieser Woche die Brotgetreidenotierungen neuerlich leicht. Es befänden sich bei Produzenten und erster Übernehmerstufe noch angebotene Mengen am Markt, der Großhandel kaufe aber wegen der Unsicherheiten nur vorsichtig auf. Obwohl nicht notiert, sollen sich auch die Durumpreise unverändert festgehalten haben.

Der Nationalrat nahm dieser Tage auch Änderungen bei der Alkoholsteuer vor. Für die Herstellung von Biozidprodukten und vergleichbaren Desinfektionsmitteln kann bis 31. August ein Antrag auf Steuervergütung gestellt werden.

Der heimische Handel hat nach wie vor insbesondere die Logistik im Fokus. Im Lkw-Verkehr nach und aus Italien blieben wegen des immer weiter greifenden Shutdowns der Industrie zunehmend Retourfrachten im Gegenzug zu Getreidelieferungen aus. Frächter verlangten daher höhere Preise, Auftraggeber beharrten aber zumindest bei schon abgeschlossenen Frachtaufträgen auf die ausgehandelten Tarife. Ein Dilemma seien nach wie vor Getreidefuhren aus Ungarn und Kroatien, wohingegen solche aus Tschechien und der Slowakei funktionierten.

Allmählich habe sich die Nervosität am Futtermittelsektor gelegt. Diese habe weniger auf den Sojanotierungen in Chicago als auf Befürchtungen von Lieferengpässen aus Südamerika beruht. Die Notierungen von Futtergerste und - vor allem nach den Sprüngen der Vorwochen - die von Sojaschrotimporten gaben diese Woche nach. Dementgegen machte 45%iger inländischer GVO-freier Sojaschrot gegenüber der Letztnotierung Mitte März einen Sprung von 70 Euro/t nach oben. Es heißt, er habe damit einfach nur die zwischenzeitliche Entwicklung nachgeholt.

FAO: Logistik und schwache Währungen der Schwellenländer verteuern Lebensmittel

Die UN-Landwirtschafts- und Ernährungsorganisation FAO spricht davon, der Preisanstieg werde durch den Verfall der Währungen von Schwellenländern und Logistikproblemen im grenzüberschreitenden Handel ausgelöst. Es wäre genug Weizen auf der Welt, aber das Problem liege darin, ihn dorthin zu bekommen, wo er benötigt wird. Beispielsweise der größte Weizenexporteuer der EU, Frankreich, leidet in der Corona-Krise unter einem Mangel an Lastwagenfahrern. Transporte des Getreides vom Binnenland zu Häfen werde zusätzlich verteuert, weil wegen des Runterfahrens der Produktion Rückfracht von Industriegütern fehle.

Die Lage ändert sich laufend: Je nach der aktuellen Betroffenheit von der Pandemie sperren die einen auf, wie China, und die anderen, wie die USA, zu. Dabei lautet die gute Nachricht aus China, sie erholen sich, die schlechte allerdings lautet, die Erholung geht langsam vor sich und wird lange dauern.

Käufer decken sich am Weltmarkt ein - Nach wie vor aber auch Unsicherheit

Gleichzeitig decken sich die Käufer am Weltmarkt ein, um die Corona-Krise aussitzen zu können - zuletzt etwa die Türkei mit 175.000 t Weizen oder Saudi-Arabien mit 1,2 Mio. t Gerste. Am Dienstag kaufte Algerien 250.000 t Weizen, laut Händlern hauptsächlich aus Frankreich, und eröffnete unmittelbar danach gleich eine neue Ausschreibung, die am Freitag schließt. Als Preise dafür kolportierten Agenturen 245 USD/t (24,03 Euro) c&f nach dem letzten Zuschlag in der Vorwoche bei 242,50 USD/t (221,74 Euro) bis 243 USD/t (222,20 Euro) ebenso zur Lieferung im Juni. In deutschen Häfen würden drei Schiffe über 160.000 t Weizen unter anderem für Saudi-Arabien und Nigeria laden. Verkäufer verlangten zur Belieferung der Häfen für den Weizen Prämien von 5 Euro auf Euronext. Innerdeutsch normalisiere sich die Mehlnachfrage nach Abebben der Hamsterkäufe privater Haushalte wieder, während die Nachfrage von Restaurants und Catering zusammengebrochen sei.

Nach wie vor herrscht aber auch Unsicherheit: Zum einen schwächt der Ölpreisverfall die Kaufkraft ölproduzierender Zuschussländer in Nordafrika und dem Nahem Osten. Ihnen fehlen wichtige Petrodollars zur Bezahlung ihrer Getreiderechnungen. Zum anderen verunsichern Exportbeschränkungen wichtiger Exporteure wie Russland, der Ukraine oder Kasachstan. Die Begrenzung russischer Getreideausfuhren mit 7 Mio. t bis Saisonende am 30. Juni ließ aber die Märkte auch wider relativ kalt. Man meint, dies sei jene Tonnage, die man so und so nur noch exportiert hätte. Am Mittwoch stornierte Ägypten aber offensichtlich aus Unsicherheit über die Lieferfähigkeit Russlands einen Weizentender gleich wieder kurz nach seiner Eröffnung mit der Begründung, man könne von den vorhandenen Reserven ohnehin noch drei Monate zehren. Zuvor jedoch hatte Staatspräsident Abdel al-Fattah as-Sisi seine Behörden beauftragt, die Reserven an Bedarfsgütern wie Grundnahrungsmitteln aufzustocken. Ein Grund für das Storno der Ausschreibung könnten auch die aktuell hohen Weltmarktpreise sowie die Furcht vor einer enden wollenden Angebotslegung gewesen sein. Denn die zurückgezogene Ausschreibung zur Lieferung im Mai enthielt den offensichtlich mit Blick auf Russlands Exporteinschränkungen oder auf Frankreichs Transportprobleme formulierten Passus, sollte die zugeschlagene Ware nicht lieferbar sein, hafte der Lieferant für die Bereitstellung von Weizen alternativer Herkunft und habe allfällig höhere als im Zuschlag vereinbarte Transportkosten dafür aus eigener Tasche zu zahlen.

Unsicherheit aber auch bei laufenden Ernten im Süden und kommenden im Norden

Indien fehlen wegen des Corona-Shutdowns die Wanderarbeiter für die Einbringung der anlaufenden Weizenernte. Damit wackelt die Prognose eines Rekordergebnisses von 106 Mio. t. Indien exportiert zwar keinen Weizen, betroffen von den fehlenden Erntearbeitern könnten jedoch Reisausfuhren sein.

Quarantänemaßnahmen und die Angst der Transport- und Hafenarbeiter vor einer Corona-Ansteckung kosteten Argentinien im ersten Quartal 16% weniger Einnahmen an US-Dollar aus Agrarexporten als im ersten Quartal 2019. Die Rohstoffzufuhr von Sojabohnen an Argentiniens Ölmühlen habe sich halbiert. Der Sojatransport in Brasilien soll sich hingegen normalisieren, hieß es zu Wochenbeginn. Allerdings verzögert schlechtes Wetter die Ernten in beiden Ländern und soll zuvorgegangene Trockenheit die Erträge schmälern.

In der Schwarzmeerregion könnte Trockenheit ein Thema nach Ostern werden. Die Marktordnungsstelle FranceAgiMer nahm am Freitag die Bonitierung der Winterweizenbestände Frankreichs gegenüber der Vorwoche um einen weiteren Prozentpunkt auf 62% gut oder sehr gut zurück. In der Vergleichswoche 2019 hatten 84% die Top-Bonitierung erhalten. Und das US-Landwirtschaftsministerium USDA meldete diese Woche, die Farmer würden zur Ernte 2020 eine um 1% kleinere Fläche von 18,07 Mio. ha mit Weizen bestellen, womit diese ihren niedrigsten Wert seit Beginn der Aufzeichnungen 1919 erreiche. Mit 38,44 Mio. t lägen zudem zum Stichtag 1. März um 11% weniger Weizen in den US-Silos als vor Jahresfrist.

Ölpreiskrieg drückt Mais und Pflanzenöle - Trump verwirrt Märkte mit Einmischung

Der zwischen Russland und Saudi-Arabien tobende Ölpreiskrieg trifft Russland wegen der Mindererlöse bei seinem wichtigsten Exportgut besonders hart. Aber auch andere Ölproduzenten leiden unter den Ausbleiben wichtiger Exporteinnahmen. Von den Agrarmärkten sind Mais als Ausgangsprodukt von Ethanol und Pflanzenöle - damit auch Raps - als solches von Biodiesel schwer vom Ölpreisverfall betroffen. Die Pariser Rapsnotierung rauft seit Tagen, die 360 Euro/t für den Mai-Liefertermin nach einem noch tieferen Einknicken wieder zu überwinden. Am Freitagmittag hielt sie mit einem leichten Plus bei 362,25 Euro/t. Die US-Maisnotierungen verzeichneten von Jänner bis März den stärksten Quartalsverlust seit fünfeinhalb Jahren, indem sie dem Einbruch der Preise für US-Rohöl um 65% im ersten Quartal folgten.

Letzte Woche ging in den USA der tägliche Ethanolausstoß um 16% zurück, ebenso wird weniger Biodiesel erzeugt und auch der Pflanzenfettverbrauch brach nach den Restaurantschließungen ein. Analysten gehen von einem 25 bis 50%igem Absturz der weltweiten Ethanolproduktion aus, wodurch 30 bis 60 Mio. t Mais am Markt liegen bleiben würden. 30 bis 40% des von den USA erzeugten Mais landen in der Ethanolerzeugung. Hinzu kommen für den Mais bearishe Anbauprognosen des Washingtoner Agrarressorts USDA: Demnach beabsichtigten die Farmer 2020, die Maisflächen um 8% ausdehnen. Die Prognose bleibt aber noch unsicher, weil die jüngste Preisentwicklung die Anbauentscheidungen auch noch stärker zugunsten von Sojabohnen beeinflussen könnte. Für die Bohnen prognostiziert das USDA zurzeit noch ein Plus von 10% der Fläche.

Der Ölpreisverfall bringt auch die Zuckerpreise unter Druck, weil brasilianische Verarbeiter wegen unrentabler Ethanolmargen die Produktion auf Zucker umstellen.

Verwirrung um Einmischung Trumps in Ölpreiskrieg

Verwirrung stiftete einmal mehr Donald Trump. Er schaltete sich nun in einem Gespräch mit Russlands Staatspräsident Putin in den Ölpreiskrieg ein, um Auswege aus dem Preisverfall zu suchen. Trump bezeichnete den Ölpreiskrieg nun als "verrückt", nachdem er ihn bisher offensichtlich mit einem gewissen Wohlwollen verfolgt hatte, weil den Konsumenten in den USA niedrige Spritpreise entgegenkämen und die USA ihre strategischen Ölreserven billig aufstocken konnten. Nunmehr dürfte der US-Präsident aber dem Druck seiner Ölkonzerne nachgeben. Eine von Trump behauptete, umgehend aber von Putin dementierte Lösung für den Ölpreiskrieg mit einer entsprechenden Produktionsdrosselung löste am Donnerstag einen kurzfristigen Sprung der Ölpreise aus. (Schluss) pos

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